Bedrückend, aber auch befreiend

Kunstwerke senden eine Botschaft: Öznur Asir im Gespräch mit dem stellvertretenden Bürgermeister Günter Schulze.

GRONAU Selten senden Kunstwerke eine so deutliche Botschaft an den Betrachter: Bedrückende, zugleich aber auch befreiende Gefühle stellen sich beim Betrachten der Ölbilder und Skulpturen von Öznur Asir ein. „Der Schrei ist für mich allmächtig“, sagt die Künstlerin aus Hannover, die am Sonnabend ihre Ausstellung eröffnet hat, und benennt damit ihr facettenreiches Thema, das in der heutigen Gesellschaft kaum Platz findet.

Auf allen Werken ist der Schrei deutlich zu erkennen. Aussagen der Künstlerin zufolge unterdrückt der Mensch die Eigenschaft, mit der er bereits zur Welt gekommen ist. Das Neugeborene schreie, der Erwachsene aber verzichte darauf lieber, selbst wenn ihm danach zumute ist. „Das darfst Du nicht, sagt der Chef – sonst wirst Du gefeuert“, liefert Öznur Asir Beispiele aus dem Alltag, in dem eben kaum Platz für den Schrei sei. Doch nun erhält eben dieser Raum – in den Werken der Hannoveranerin. Bedrückend, aber befreiend zugleich: Wer setzt sich schon gern mit Tabu-Themen auseinander? Wer stellt sich schon gern gegen die Gesellschaft, widersetzt sich gar ihren Zwängen? „Deshalb übernehme ich das Schreien für alle in meinen Werken“, betont sie. Das löst die Anspannung, weckt das Bedürfnis, selbst zu schreien, wenn auch vorerst nur im übertragenen Sinn.Öznur Asir will sich keineswegs hinter ihren Werken verstecken. Sie verzichtet auf eine lange Einführung, kommt lieber sofort mit den Besuchern ins Gespräch. „Jeder soll die Werke selbst interpretieren“, sagt Öznur Asir: „Immerhin trägt jeder ja auch seinen eigenen Schrei in sich.“

Schnell entwickelt sich eine Gesprächsrunde – über Themen, die jeder kennt, aber über die doch kaum jemand ein Wort verlieren möchte. Anstoß hierfür sind etwa die beiden großen Skulpturen: Beide tragen den Namen „Naturkatastrophe“. Die Natur würde auch schreien – „und wir sind dafür verantwortlich“, erläutert sie: Doch kaum jemand sehe bewusst, was der Mensch anrichte. „Man bekommt Angst und schaltet einfach weg“, bedauert Öznur Asir. Das Trio vom „Atelier am Park“ um Detlef Bartels, Rüdiger Brede und Anke Hoge haben ihr die Möglichkeit für ihre erste Ausstellung eingeräumt. „Die Werke sind sehr anspruchsvoll“, beurteilt Rüdiger Brede die Arbeiten der Künstlerin: „Für mich ist die Gesellschaft das Rad des Wahnsinns.“ Die Werke der Hannoveranerin würden zu seinen Arbeiten passen: „Es schreit nach Veränderung. Aber wir gucken alle weg.“ Doch bei der Ausstellung von Öznur Asir gelingt dies nicht: Der Betrachter muss regelrecht hingucken. Er muss sich damit auseinandersetzen, und vielleicht sogar sich selbst hinterfragen.

4.Mai.2014, leinetal24, zum Artikel