Teilnahme an Publikation „Comiczeichner im Dialog“

„Heidi“

Meine Oma ist an allem schuld. Sie bestand an einem Sonntagnachmittag darauf, statt eines Mittagsschlafes, Heidi zu sehen. Meine Mutter, mein Vater, mein kleiner Bruder und ich setzten uns höflich neben unsere Oma, die vorvielen, vielen Jahr in ihrer Tracht stolz und glücklich meinte: „Jetzt!“ Wir zuckten zusammen, als die kürzeste Zusammenfassung von Handlung, Charakterisierung, Sinn, Vorschau und Rückblick jodelte: „Heidi, Heiidiiii, deine Welt sind die Bähärgää“. „Nu guckt hin“, lächelte unsere Oma immer noch überzeugt, dass ihre frisch entdeckte Serie auch uns gefallen würde. Und ziemlich schnell ahnte ich, dass es hier nicht primär um den Kontrast zwischen sitzender, steifer Stadt und dem Laufen dürfen und können über eine grüne Wiese ging. Ein kleines Mädchen mit großen Augen entdeckte begeistert die Welt, es rannte, segelte, sprang, hüpfte, tänzelte so, wie Kinder die eigenen Beschleunigungsmöglichkeiten erleben. Heidi konnte fliegen! Und Clara flog einfach mit hinein in einen Alltag voller Wunder, das erste Mal sehen, fühlen, riechen und frei und ungezwungen lachen. Da gab es kein Wie man die Umwelt zu sehen hat; der Geisenpeter war lieb und der Großvater auch. Die Koloration des Hintergrundes? Irgendwie war die kleine Heidi mittendrin in einer großen Wiese, zwischen großen Bergen, etc. Die Welt eines Kindes getragen von der Empathie eines Kindes.

Ich war erstaunt, als ich die ersten Anime und Manga für Erwachsene sah oder las. Es scheint keine Grenzen zu geben zwischen Welt und Figuren, zwischen Realem und Irrealem, zwischen Zeichnung und Malerei: Die Tiefe der Bilder, die phantastische Expressivität der Linie und nach wie vor das empathische Verständnis für Kinder, für das Leben als großes Ganzes, für die Menschen und die Natur …

Getragen von dem Esprit, eine vielfältige Comiclandschaft in Deutschland helfend unterstützen zu können mit der Freien Malerei & Grafik als der Mutter der Bildenden Künste und solidem Fundament, holte uns die deutsche Realität an unserer Kunstakademie für Malerei, Comic und Trickfilm (abk-hannover) schnell ein.
Die Manga-Fraktion verkroch sich in dem einen Teil der Etage, die Comic Fraktion schottete sich im anderen ab. Malen, wozu? Zeichnen, wozu? Marvelfans, die nur Marvel sehen und ertragen konnten … Aus Prinzip!
Welches Prinzip? Außerdem mache man das nicht so im Comic/Manga. Wie man eine Figur richtig zeichnet oder wie man die Perspektive richtig zeichnet, so geht Comic/Manga richtig … Handbücher wurden zum Beweis auf den Tisch gelegt. Eine deutsche Psychoanalytikerin rief an, Comic/Manga sei eine Regression, ob sie unsere Schüler studieren dürfe. Bitte nicht! Nicht schon wieder die Pathologisierung der Kunst und/oder Künstler. Kinder haben nicht nur Angst vor Neuem und Unbekanntem, Kinder leben das Pendant: sie
sind neugierig.

Die Angst vor Freiheit basiert bestimmt nicht auf Regression, sondern auf einer verschulten Schulbildung, die auf Verschlankung und Auswendiglernen setzt, auf Technik statt Inhalt. Sie wuchert in unserem Schubladendenken. Wir diskutieren Qualitätskriterien bei der Nahrung … Kunst ist aber auch Nahrung. Die wichtigen deutschen Fragen scheinen zu sein: Darf man das? Kann man das? Das zarte Pflänzchen Comic, als Kunstform anerkannt, verkriecht sich schnell, schottet sich ab, wie die jungen Menschen, die sich frisch die Erlaubnis zum Zeichnen und Malen gegeben haben, dann nur das tun, was sie können, dabei kann man nur das, was man tut.

Kunst braucht Luft zum Atmen, braucht Freiheit. Und nous sommes sowieso Charlie Hebdo, ob ́s uns passt oder nicht, es war nie anders, weil Kunst Freiheit ist. Darum geht es, um nichts weniger. Wir freuen uns, dass dieses Projekt von einem ehemaligen Absolventen unserer Akademie mit unterstützt wird und, dass aktuell Studierende ebenfalls begeistert mitmachen. (Vorwort von Sonja Bieker)

Katrin und Liyah im 3. Semester haben den Crossover-Comic, „Gossy und Afro“, für die Publikation des Icom Interessenverbandes erstellt.
Auch ein Absolvent unserer Akademie ist beteiligt, sowie weitere Zeichner.
Hier geht es zum vielfältigen Comicband